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Die erste Rede: So soll grüne Gesundheits-, Pflege- und Generationenpolitik sein

Meine Rede zur Spezialdebatte Gesundheit, Pflege und Generationen im Wiener Gemeinderat am 11. 12. 2015

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Frau Stadträtin, sehr geehrte Damen und Herren!

Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass Polemik nicht mein Ding ist.

Ich habe die Redebeiträge zum Rechnungsabschluß 2014 vom Juni 2015 zum Thema Gesundheit aufmerksam gelesen. Gutes soll man in der Politik pflegen und weiterführen, das, was zu verändern und zu verbessern ist, gemeinsam angehen.

Im rot-grünen Regierungsabkommen II sind die Leitlinien festgeschrieben, die die wichtigsten Parameter für Gesundheit, Pflege und Generationen beschreiben
Unsere Aufgabe als politische MandatarInnen ist es, einerseits dafür zu sorgen, dass Gesundheitsförderung alles tut, um zu verhindern, dass Menschen krank werden. Wenn sie aber krank werden, sollen sie möglichst rasch wieder gesund werden. Und wer behindert wird braucht mehr als eine Rollstuhlrampe.

Ich muss Ihnen hier die Spitalreform, Landeszielsteuerung Gesundheit, Gesundheitsförderungsziele, Gesundheitsziele 2025, Pflege und Betreuung 2030 nicht im Detail vorstellen. Sie kenne sie und wissen, dass sie Geld kosten. Geld, das notwendig ist, um ein moderndes, effizientes, dem Wachstum der Stadt angepasstes Gesundheits- und Pflegewesen zu garantieren. Ambitioniert, strukturiert und zum Teil und im Detail auch immer wieder heftig umkämpft.

Aber: der Faktor Mensch, ob gesund oder krank, ob selbst betroffen oder Angehöriger oder Zugehöriger verändert sich rascher als wir alle denken. Wir stehen in einer der größten Umbruchphasen des Jahrhunderts, nicht des Jahrzehnts.

Menschen haben gelernt, wissen heute mehr als je zuvor, haben viele Informationen – ob richtige oder falsche – stehen unter ökonomischen Zwängen und müssen oder wollen sich nicht mehr mit dem alten System zufrieden geben. Komplexe Systeme haben jahrzehntelang ihren Zweck erfüllt, könnte man meinen.
Neue Schwerpunkteinrichtungen zu schaffen, in denen Ressourcen gebündelt und effizient eingesetzt werden, das ist eine gewaltige Challenge.

Eine Herausforderung, die tatsächlich neu ist, ist die wachsende Mündigkeit von Menschen, wenn es um ihre Gesundheit, wenn es um Pflege geht.
Kritische KonsumentInnen des Gesundheits- und Pflegesystems sind ein neuer Faktor, der in allen unseren Reformen und Überlegungen, wie man ein Gesundheits- und Pflegesystem steuert und bewältigt, eine wichtige Rolle spielt.

Wer heute vielleicht alt, krank und pflegebedürftig wird, braucht nicht nur ein funktionierendes Krankenhaus – dafür sorgt die Spitalsreform umsichtig und weitblickend.

Ein immer größere Teil, österreichweit sind es über 450.000 Menschen, wird aber daheim und privat von Angehörigen und Zugehörigen gepflegt.

Wir haben im rot—grünen Regierungsabkommen II auf diese Gruppe besonders geachtet. Damit sie unter der Belastung nicht zusammenbrechen, braucht es ein immer mehr ausgeweitetes Entlassungsmanagement. Eine Grätzelschwester/einen Grätzelbruder, die den privaten Pflegeprozess begleiten, Ansprechperson ist und bleibt. Sie schafft Sicherheit, ist Teil der Beziehungspflege und fördert die Effizienz.

Wer gut betreut und gepflegt wird, kostet weniger. Das nur, um deutlich zu machen, dass Zufriedenheit aller am Prozess Beteiligten das Geld schon wert ist, das in einem Budget dazu investiert wird und wir mit rot-grüner Handschrift dafür stehen.

Für mich bedeutet das, neben den ökonomischen Messgrößen braucht es ein professionelles Monitoring mit dem Schwerpunkt der PatientInnenzufriedenheit ebenso wie dem Schwerpunkt der Zufriedenheit der Sorge- und Pflegeberufe.
Nein, es geht nicht nur um Beschwerdeinrichtungen, die reparieren sollen, was nicht gut gelaufen ist. Es geht um sorgfältige Wahrnehmung von Bedürfnissen, die unterschiedlich sind.

Ich darf auf den gerade eingebrachten Antrag der NEOS antworten. Differenzierung ist das eine, Einschleichtaktik ist das andere. Wichtig ist und bleibt gerade im Bereich der kommunalen sozialen Dienstleistungen, dass die gut ausgebauten Dienstleistungen von Kommune und gemeinnützigen Vereinen nicht von privaten Anbietern ausgehebelt werden. Wir sind gegen Zweiklassenmedizin und gegen Zweiklasse-Soziale-Dienstleistungen. Und ganz sicher dagegen, dass Konzerne, die dann entstehen, sich damit bereichern.

Monitoring ist eine Chance, Innovation, Ökonomie, Ökologie und Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheits- und Pflegesystem zu schaffen, den Output zu vergrößern, ohne soziale Ungerechtigkeit zu fördern.

Noch ein Nachsatz: dass heute Menschen im Gesundheits- und Pflegesystem als sogenannte „Kritische Masse“ vor der Türe stehen, hat nichts mit der höheren Lebenserwartung per se zu tun. Sie hat damit zu tun, dass wir selbst alles dafür getan haben, Menschen zu empowern, zu ermächtigen, für sich und ihre Rechte und Bedürfnisse einzustehen. Also dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie sie einfordern.

Ich darf noch einen weiteren Punkt heute schon auf den Tisch legen. Nach Jahrzehnten der Angst vor Krebs leben wir heute in der Angst vor Demenz.
Geriatrie und Demenz sind für viele Menschen Schreckgespenste. Aber Kopf in den Sand stecken hilft dagegen gar nichts.

Die Empfehlungen der Demenzstrategie werden am 14. 12. präsentiert und umfassen alle Lebensbereiche.
Diese Demenzstrategie weit auszurollen, Bezirke einzubeziehen, Berufsgruppen aber auch die breite Bevölkerung, das wird für die nächsten Jahre eine wichtige Aufgabe sein.

Wenn Sie den Begriff „UN-Konvention zur Gleichstellung behinderter Menschen“ hören, werden wohl viele von ihnen zuallererst an bauliche Barrieren denken. Es geht aber nicht nur um Gehsteigkanten und Stufen, es geht noch um vieles mehr.

Die Herausforderung heißt, dass wir den nationalen Aktionsplan als ein wichtiges Instrument nützen. Er gehört nicht nur in das Gesundheitsressort sondern muss als Querschnittsmaterie über alle Ressorts gelegt werden – ihn zur Chefsache zu machen.

Jeder einzelne Punkt, von dem ich hier rede, hat immer auch mit dem Begriff GENERATIONEN zu tun.
Das, was wir heute und hier gemeinsam beschließen, was sich auch in Zahlen des Budgets ausdrückt, sind Generationenfragen und Generationenmaßnahmen.
Generationenpolitik denkt daran, wie die verschiedenen Alterskohorten sich unterscheiden in ihren Bedürfnissen und Lebensbedingungen und was sie brauchen für ein gutes Leben.

Dabei sind neue Wohnmodelle sozusagen der Renner, aber das ist mehr als ein Generationenhaus. Das sind Modelle, die auch Eigengestaltung und Eigenverantwortung bedeuten und zulassen und nicht nur einfach um rundum versorgt zu werden.

Es gibt kein Allheilrezept für das Älterwerden. Wir haben es noch nicht gedacht, weil wir Alter immer noch als Zeit des Abbaus und des Defizits wahrnehmen. Bis zu dem Moment, wo wir selbst älter sind.

Genau diese Fragen, wie gehen wir damit um, älter zu werden in einer Mega-City, wie schaffen wir treffsichere Generationenmodelle, die Leben, Wohnen, Arbeiten sicherstellen. Eine Herausforderung der besonderen Art.

Unser Ziel für die nächsten 5 Jahre ist es Perspektiven zu entwickeln für das Älterwerden,so wie wir den jungen Menschen eine Zukunft schaffen müssen.
Das alles kostet auch Geld. Das alles braucht Budget. Aber es sind Investitionen mit großem Mehrwert. Nein, es sind keine Unsummen, die uns an den Rand des Abgrundes führen. Es ist eine Investition in unsere eigene Zukunft und die unserer Kinder und Enkelkinder. Sie werden es uns danken, dass wir Geld dazu verwenden, ihnen in jeder Situation des Lebens Chancen zu bieten.

Ich habe mir ein Ziel gesetzt, das ich als Grüne gemeinsam mit Ihnen erreichen will: Ich will, dass Menschen in Wien glücklich und gesund älter werden.

Angehörigenpflege kann jeden treffen!

Vor einiger Zeit wurde der Regress für Kinder von PflegeheimpatientInnen in Österreich abgeschafft. Jetzt ist er wieder da! Treffen kann er jeden jedezeit, der Eltern hat.

In der Steiermark wurde er bereits beschlossen, das Burgenland „denkt darüber nach“. Die Begründung lautet, dass nach der Aufhebung des Regresses die Zahl der Aufnahmen in die Pflegeheime explodiert ist und damit auch die Kosten.

Dass 80 Prozent der Pflege nach wie vor privat und daheim geleistet wird, sprich der grösste Teil unter oft schwierigsten Umständen stattfindet, wird völlig ausser Acht gelassen.

Pflegende Angehörige entschliessen sich fast immer erst in allerletzter Konsequenz zu einer Pflegeheimaufnahme. Jetzt werden sie wieder vor vollendeten Tatsachen gestellt, entweder für sie oft schwerwiegende finanzielle Belastungen durch den Regress zu tragen oder ohne kompetente und umfassende Unterstützung oft über unabsehbare Zeit daheim weiter zu pflegen.

Eine Regierung, die lediglich mit dem Argument der Schuldensenkung agiert, aber die psychische, physische und exzistentielle Belastung pflegender Angehöriger dabei ignoriert, handelt verantwortungslos.

„In anderer Sache…“

Dass Kinder ihre Eltern pflegen, ist weitgehend unbekannt und unerkannt. Seit einigen Monaten bemühen wir uns darum, dieses Thema, das Kinder aller Altersgruppen trifft, bekannt zu machen.

Dieser Artikel wird in verschiedenen Publikationen erscheinen, um Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass pflegende Kinder zumeist ohne Unterstützung und Hilfe sind. In einer Situation, in der sie sie dringend brauchen würden, wenn wir sie nur kennen würden… Eine Ö1-Sendung am 21. 12. 2010 von Isabelle Engels hat auch via Radio einen wichtigen Beitrag dazu geleistet.

Ist da niemand?

Wenn Papa oder Mama krank werden, sind Kinder – egal ob sie 5, 10 oder 15 Jahre alt sind, oft genug diejenigen, die unbemerkt und ohne Unterstützung die Betreuung und Pflege übernehmen. Ihr Alltag wird neben Schule und Ausbildung von Belastungen überschattet, von denen oft nur die engsten FreundInnen wissen.

Sie machen, was zu tun ist und so gut es ihnen möglich ist. Erledigen Wege, gehen einkaufen, kochen, bringen Medikamente, räumen auf, trösten – und verbergen ihre eigenen Ängste. Die Angst, nicht zu wissen, wie es weiter geht, was mit ihnen und ihren Eltern geschieht – und die Angst, zu versagen.

Pflegende Kinder sind keine Ausnahmen oder verschwindende Zahl von Extremfällen. Pflegende Kinder leben oft genug im Verborgenen, nebenan. Sie werden nicht gesehen, weil sie versuchen, alleine mit dieser schwierigen Situation zu Recht zu kommen.

„Sie werden nicht zu Euch kommen“, sagt Nicole Ortner, die in ihrer Diplomarbeit „Krebs – was ist das? Young carers kindergerecht informieren“ die Situation beleuchtet. In Deutschland ist derzeit die Rede von ca. 200.000 betroffenen Kindern.

Sie brauchen vieles und verlangen kaum etwas. Sie sind manchmal auch stolz darauf, dass sie es „schaffen, Mama oder Papa zu helfen“. Sie brauchen aber auch Hilfe und Unterstützung von außen, Informationen über die Krankheit, praktische Anleitung für den Betreuungs- und Pflegealltag und Menschen, die ihnen zur Seite stehen, auf die sie sich verlassen können.

Die Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger will in Österreich pflegenden Kindern eine Stimme geben. Gemeinsam mit Kinder- und Jugendorganisationen, LehrerInnen, ÄrztInnen, Pflege- und Betreuungspersonal und anderen Kindern auf sie zugehen und ihnen Hilfe anbieten. Ihnen in sozialen Netzwerken wie dem Internet Möglichkeiten schaffen, nicht alleine und im Verborgenen zu bleiben.

Weil es nicht sein darf, dass da niemand für sie ist… wir sind da!

Birgit Meinhard-Schiebel
Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger
1040 Wien, Wiedner Hauptstraße 32
Tel.: +43 (1) 58 900 DW 328, office@ig-pflege.at
http://www.ig-pflege.at

Die schwere Last der Pflege

Immer mehr Menschen werden von ihren Angehörigen oder auch ihren FreundInnen gepflegt und betreut. Neben der psychischen Belastung stehen alle Beteiligten oft genug vor zahlreichen Fragen und Problemen, wenn es um den Pflege- und Betreuungsalltag geht – um die Suche nach Rat und Unterstützung, von einfachen, aber entlastenden Handgriffen bis hin zu Antragsformularen, Informationen, Adressen, der Suche nach einer Selbsthilfeinitiative und und und.

Die Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger will österreichweit als Informationsplattform Menschen unterstützen und begleiten. Gemeinsam trägt sich Verantwortung leichter.

Der Artikel stellt die IPA erstmals vor, für die ich Mitverantwortung übernommen habe.

http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2010/02/03/die-schwerste-last-tragen-die-pflegenden-angehoeri/