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Verschont uns mit diesen SOMMERGESPRÄCHEN!

KünstlerInnen sprechen mit PolitikerInnen oder: Naivität als neue politische Dimension?

Sommergespräche zwischen KünstlerInnen und PolitikerInnen haben uns diesen Sommer gründlich verdorben. Aber noch sind sie nicht zu Ende. Diesmal fliegen sie uns in geschriebener Form um die Augen.


Liebe Jazz-Gitti,

dass die Leute wissen, dass Sie eine Rote sind, macht Sie nicht zum besseren Menschen. KünstlerInnen, die in der Politik frei von der berühmten Leber weg reden, wissen scheinbar nicht immer, was sie sagen. Als Frau aus einer linken jüdischen Familie (Text im Standard)aber dürfen Sätze wie „Gegen die Türken habe ich nichts, ich habe gegen niemanden etwas. Aber wer sich bei uns nicht integrieren will, soll dort hingehen, wo er sich integrieren will“ (Zitat DerStandard, 12. 9. 09,Seite 11) nicht einmal im lockeren Plauderton mit Wiens Michl von Ihren Lippen fließen.

Integration ist ein heißes Thema. Kein Disco-Heuler. Jüdische Menschen, Menschen, die linken Ideen und Ideologien tatsächlich anhängen, sind immer in Gefahr gewesen. In Gefahr, verfolgt zu werden. Auch hier war Integration war kein Schutz. Für jüdische Menschen war es nicht einmal die Assimilation. Es hat nichts geholfen, ein/e „echte ÖsterreicherIn“ zu sein. Gar nichts. Politisch links zu stehen war zu vielen Zeiten ebenso lebensgefährlich. Heute „AusländerIn“ zu sein, ist zumindest für die Psyche gefährlich. Vergessen?

Was also verlangen Sie dann von TürkInnen oder anderen, gegen die Sie nichts haben? Dass sie sich anpassen? Woran? Wer spricht oft genug ein lupenreineres Deutsch als Kids mit migrantischen Wurzeln?Wer bemüht sich mit allen Mitteln darum, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben und muß 10 Jahre darauf warten und vorher die Euros verdienen, um sie bezahlen zu können??? Wer läßt sich ohne großes Murren in irgendwelche Wohnungen stopfen? Wer muß es sich gefallen lassen, von angeblich braven ÖsterreicherInnen wo auch immer beschimpft zu werden? Würden Sie, wenn Sie heute anderswo leben wollen oder müssen, es genießen, wieder ganz von unten anfangen zu müssen – und sich „integrieren“ zu müssen?

Integration ist ein heikler Prozess, dazu gehört Toleranz, Konfliktfähigkeit beider Seiten, Auseinandersetzung mit kulturellen Unterschiedlichkeiten und die Anerkennung anderer Denk- und Lebenswelten. Fundamentalismen sind auf allen Seiten gefährlich. Es geht um Menschenrechte, die für alle Menschen Gültigkeit haben müssen.

Integration heißt niemals, Gewalt gegen Menschen zu tolerieren. Auch nicht, wenn sie „kultureller Bestandteil“ sind. Übrigens: Mögliche Gewalt in der Familie ist kein ausschließliches Phänomen der MigrantInnen, ganz und gar nicht… Integration heißt, Menschen mit ihrem kulturellen Hintergrund zu respektieren. Dass Gewalt und Fundamentalismus, Frauenverachtung etc. in keiner Kultur ihren Platz haben darf, wenn es um Menschenrechte geht, versteht sich von selbst. Die Arroganz, mit der Integration gefordert wird, ist erbärmlich. Wer sich nicht SO anpassen will, wie wir es wollen, soll sich zum Teufel scheren.

Scheinbar ist es weder Ihnen noch anderen Menschen gelungen, genau hinzusehen, weshalb die viel zitierte Integration nicht gelingt. Weil Menschen mit Migrationshintergrund erbarmungslos in Wohnviertel integriert werden. Macht Euch doch die Streitereien selbst aus, liebe MieterInnen. Was gehts uns an? Es ist eine Frage kluger Wohnungspolitik, das zu verändern! Weil deshalb Schulen voll sind mit Kindern aus anderen Kulturen, anstatt eine gute und durchdachte Durchmischung der Gruppen zu garantieren, von der letztlich alle etwas haben. Weil sich der Dienstleistungssektor der Menschen erbarmungslos bedient, die eine Existenz brauchen, um überleben zu können. Weil in den Köpfen der Menschen das Vorurteil „Die kriegen eh alles nachghaut“ scheinbar unausrottbar ist. Und niemand, auch Sie nicht, etwas dazu beitragen, immer wieder zu erklären, dass das schlichtweg nicht stimmt.

Weil es einfacher ist, lockere Sprüche zu klopfen und so frauenverachtend blöde Sätze zu sagen wie diese: „JazzGitti: Ich glaube als Bürgermeister von Wien kann man es sich nicht einfach machen. Das ist eine schwere Hackn. Häupl: Schwer, aber schön. JazzGitti: Wahrscheinlich, weils so schöne Wiener Madln gibt.“

Ob es sich tatsächlich lohnt, sich mit Ihnen über Integration zu unterhalten? Übrigens kann ich Ihnen den Club Ost für einen Disco-Besuch mit Wiens Michl empfehlen. Dort gibt es Integration live.